es ist 4:14 und ich kann, wie so oft nicht schlafen. es kreisen viele gedanken. oft sind es die, die belasten und meine aufmerksamkeit wollen, aber das lasse ich nicht zu. gut, vielleicht mache ich mir dabei ein wenig was vor, aber ich kann behaupten, dass ich sehr achtsam bin und mir die positiven dinge ins gedächtnis rufe.

ich versuche in vielen kleinigkeiten schönes zu sehen. in anderen menschen das besondere zu finden, die dinge zu tun die, meine seele wachsen lassen. ich behaupte nicht, dass es leicht ist. das muss man sich mühselig erarbeiten. disziplin. die habe ich auch nicht wirklich. wohl ein zeichen von schwäche!

ist es so? darf man schwächen haben?

wie wurde es dir anerzogen?

und… findest du nicht auch, dass das wort „er-ziehen“ irgendwie so negativ klingt? als würde man einem „etwas“ ein „irgendwas“ entziehen, wegnehmen, davon etwas entfernen.

hätte die schönste sache der welt nicht ein viel schöneres wort verdient? so etwas wie… erblühen, hinaufheben, einleben, irgendwie etwas anderes seltsamklingendes – nur eben etwas positiver.

aber wie es auch genannt werden mag, die handlung bleibt die gleiche – und das resultat auch.

vergleichen wir erziehung mal mit einem bonsaibaum. keine frage, wunderschöne pflanzen, mit proportional sehr dickem stamm, dünnen ästen, wunderschön grün leuchtenden blättern. man hat sie einfach so zuhause stehen, ach und übrigens bekommt man die, eigentlich so einzigartigen grünwesen, inzwischen schon im gelb-blau möbelhaus. ich hab auch so ein „ding“. vermutlich weil ich mich mit diesem raumverschönerndemkleingrün identifizieren kann. wirkt stark, robust, irgendwie fast schon so zurechtgebogen wie man es haben will, weil es dann schöner aussieht. ja, ich gebe zu, beim kauf nur auf die äußeren werte der pflanze geachtet zu haben. kaum war sie hier, fielen die blätter ab – wie angstschweißperlen von deiner stirn, als deine mutti damals rausgefunden hat, dass du gekiffst.

ich kümmerte mich regelmäßig und sehr liebevoll um die pflanze – dachte ich – aber irgendwie habe ich keinen sinnesorgan fürs grüne. meine priorität lag hauptsachlich darin, ein schönes, gemütliches, wohnliches bild im wohmzimmer zu illusionieren, für die 3 stunden am tag, die man dort verbringt. wenige tage und sie war fast ausgetrocknet. rettungsversuche scheiterten, wie meine katze beim panischen versuch aus der nassen badewanne zu laufen.

mal hatte sie zu wenig – mal zu viel wasser, sie fing an zu schimmeln. ich meine, gut – rettungsversuch heißt nicht umsonst  r e t t u n g s – v e r s u c h, denn rettung kommt ja quasi wenn es kurz vor „zu spät“ ist. eigentlich ein hoffnungsvolles wort, aber dann kommt dieser „versuch“ hinterher. ist wie eine art backup. da kann man ja wenigstens sagen: hey, ich habe es echt versucht!“ – abgesehen davon… erwas  v e r – s u c h e n  so klingt als würde man beim suchen, das ja schon lästig genug ist, auch noch sich  v e r – s u c h e n.  quasi ein endlosirrgarten – eine zeitverschwenung.

meine einigermaßen aktive geistige fähigkeit sagte mir: stell das kleine „ding“ für jeweils eine woche an einem anderen ort im raum, auch wenn es die schöne gemütlichkeits-illusion stört. nach wenigen wochen stellte ich fest, dass sie irgendwie ihren lieblingsplatz hat. ich meine – es ist eine pflanze aber sie entschied sich am ursprünglichen platz, lieber zu sterben als es an dort auszuhalten, wo es auf langer sicht einfach nur energieraubend, traurig und vielleicht auf ihrer art und weise anstrengend gewesen wäre. ich habe sie noch nie irgendwo hingestellt, wo ich ihr absichtlich geschadet hätte, jedoch von allen schönen plätzen im raum, hatte sie so ihren bevorzugten fleck.

seitdem steht die kleine pflanze da. sie wächst. gefühlt jeden tag ein grünes blatt mehr auf diesen kleinen zittrigen ästen. sie sieht total wild aus aber ich schneide sie nicht. ihr geht es gut so. so wie sie es sich ausgesucht hat. für mich muss nichts und niemand anders sein als er / sie (diverse) selbst ist – geschweige denn irgendwann mein kind – dass zerbrechliche resultat einer erziehung nach meinen wünschen, meinen träumen, gestutzt in der von mir ausgesuchten richtung und an dem ort gestellt an dem ich es für gut befinde – das wäre erziehung. möglichkeiten bieten, unter die arme greifen, viel beobachten und reden, das „ein individuelles leben schaffen“ geformt von sich selbst, aus eigener kraft, mit so viel hilfe wie nötig – nicht wie möglich. ein „halte dich gut fest beim klettern“ hinterlässt in einem kind genauso spuren wie ein „vorsicht du könntest fallen“. das wachsen der kleinen wesen übernimmt die natur, nur das für das einpflanzen der „richtigen samen“ bist du verantwortlich. es sind eben die kleinen dinge.

der pflanze geht es gut. ich habe nicht viel getan.
nur ein wenig beobachtet.